Alchymie im Ayurveda

Das Ayurveda beschäftigt sich fast ausschließlich mit Gesunderhaltung, Heilung und den Techniken der Arzneimittelbereitung. Eine Zusammenfassung dieses Wissens wurde von Caraka vor über dreitausend Jahren in der Caraka Samhita gegeben, ein Werk das heute noch als Autorität gilt. Die berühmtesten Vidyas (Heilkundige; oft im iatrochymischen Sinne) gestehen bescheiden, daß sie trotz generationenwährender Forschung manche Textstellen Carakas" noch nicht verstehen können. In den Schriften wird die Anwendung und Wirkung von pflanzlichen, tierischen und mineralischen Produkten beschrieben. Unter anderem umfaßt der mineralische Bereich verschiedene Arten von Sand, Kalkverbindungen, Muschelarten, Edelsteinen und Halbedelsteinen, Salzarten, Erden, Schwefel, Gold, Silber, Kupfer, Blei und Antimon.
Der früheste, schriftliche Bericht über die Transmutation von niedrigeren Metallen zu Gold findet sich im vedischen Artha Shastra, vor etwa dreitausend Jahren niedergeschrieben. Darin heißt es auch, daß schon lange vor dieser Zeit eine durch die "Kunst" hergestellte Art des Goldes ohne weiteres erhältlich ist. Der dritte Teil des Atharva Veda befaßt sich detailliert mit der Aufschließung und Zubereitung von Metallen und Mineralien zum Zwecke der Gesunderhaltung und Heilung. Er beinhaltet unter anderem auch aufwendige Arbeiten am Quecksilber.

Viele ayurvedische Texte sind bislang nicht zugänglich oder werden immer noch ausschließlich mündlich überliefert. Es mag durchaus sein, daß einige tatsächlich verloren gegangen sind, oder aber sie werden aus verschiedenen Gründen verborgen gehalten. Wie im Abendland, so war man auch hier stets bestrebt – und ist es besonders heute noch – das alte Wissen vor Menschen mit niedriger Gesinnung und vor brandschatzenden Fanatikern zu schützen.

Neben den traditionellen Lehren der vedischen Texte flossen während langer Zeiträume zahlreiche Wissenschaften anderer Kulturkreise (etwa das Unani-Wissen – von "ionisch", also von den alten griechen stammend) sowie ein großer Reichtum urzeitlicher Stammestraditionen in die ayurvedische Praxis ein. Es macht nur vordergründig Sinn, den Begriff "Ayurveda", welcher "das Wissen vom Leben" bezeichnet, regional auf ein Land zu begrenzen, und doch verwundert es nicht, daß gerade Indien seine bevorzugte Heimat wurde, jener Subkontinent, wo hunderte Völkerschaften aller Epochen zusammenleben, deren Kulturformen heute noch als "lebendig" bezeichnet werden können – einen facettenreichen Eindruck des Menschseins bietend, von der Steinzeit bis zur Moderne.

Es handelt sich bei diesem Wissen um eine Natur- und Menschenkunde, welche auch in den Überlieferungen anderer Kulturkreisen auf entsprechende Art enthalten ist. Würde man etwa Paracelsus als einen ayurvedischen Heilkundigen bezeichnen, dann wäre dies im Konsens durchaus stimmig, war er doch offensichtlich in der "Wissenschaft des Lebendigen" kundig.

Gerade die Alchymie enthüllt jene Einheit der Naturkunde, da sie zur Spitze des Berges vordringt, in der Kunde vom Wesen der natürlichen Substanzen, in deren Anwendung zur Heilkunst und besonders dann in der laborantischen Praxis der Aufschließung und Erschließung der Wirkkräfte. Wohl überall in der Welt hat das Wasser, der Alkohol, der Essig eine entsprechend nützliche, auflösende Kraft, das Mineral seine eigene Dichte oder Giftigkeit und das Feuer je nach Stärke seine Hitze. Überall wirken die Kräfte derselben Planeten, Gestirne und Elemente in den "natürlichen Dingen", den Pflanzen und Mineralen, in den Organen der Körper und schreiben ihnen ihre Signaturen ein. Die Gelbheit und Brennbarkeit des Schwefels haben diesen wohl in jeder Ecke der Welt als einen Ausdruck des Feuerelements ausgewiesen, und der das Metall bearbeitende Schmied fand überall dieselben Gesetzmäßigkeiten vor, ob vor sechstausend Jahren in Zentralasien oder vor dreitausend Jahren bei den Erzminen im Harzgebiet Mitteleuropas. Auch war es wohl immer schon üblich, die "Dinge" des täglichen Lebens auf ihre Heilkraft hin zu prüfen. Metalle, Steine, Hölzer, Pflanzen: in allem steckt auch eine Arznei verborgen, welche sich durch eine entsprechende Bereitung erschließen läßt. Der Begriff "Spagyrik" besagt, daß diese Bereitung in Scheidung, Reinigung und Vereinigung besteht, dem Solve et Coagula, und setzt damit das Wissen um die Grundkräfte und deren Ausdrucksformen voraus.

Der am meisten diskutierte Zweig der ayurvedischen Alchymie (Rasa Shastra), das Loha Dhatu, ist die hohe Kunst Metalle aufzuschließen. Die urzeitliche Silbe Loh bedeutet Eisen, Sonne, Flamme und bezeichnet auch insgesamt das ganze "sulfurische Spektrum" der hermetischen Naturkunde. Loh, oder luh wird aber auch übersetzt mit "extrahieren", besonders in dem Vergleich, daß die Metallpräparate gleichsam die Krankheiten aus dem Körper extrahieren, genauso wie die Metalle selbst aus dem Erzgestein extrahiert werden. Und dies geschieht mittels Loha, der Flamme, mittels "Feuerkunst".
Die 7 Metalle (Sapta-Dhatu), welche dazu einen besonderen Rang einnehmen sind: Gold (Svarna), Silber (Rajata), Kupfer (Tamra), Eisen (Loha), Zinn (Vanga), Blei (Naga) und Zink (Yasada). Das Quecksilber steht in gewisser Weise über all diesen, nimmt aber insgesamt eine eigene Position ein. Bedeutungsvoll ist sein Name Rasa, wie der der Kunst selbst.

Nach den Dhatus folgen in der Tradition die Ratnas, dh. die "wertvollen Steine". Navaratna sind die 9 wichtigsten Steine: Rubin (Manikya), Topas (Pushparaga), Smaragd (Tarksharya), Perle (Mukta), Diamant (Vajra, Hiraka), Saphir (Nilam), Tigerauge (Vaidurya), Sardonyx (Gomeda) und Koralle (Pravala).
Ihnen untergeordnet sind die Uparatna, wie Bergkristall, Sonnenstein, Mondstein, Türkis, Turmalin, Lapislazuli, Jade u.a., welche günstig zu erwerben, relativ leicht zu präparieren, aber dennoch von mächtiger Wirkung sind.
Sudha-Varga sind Substanzen, welche Kalk enthalten, wie Calcit (Khatika), Austernschalen und einfache Süßwasser- und Meeresmuscheln (Shukti), Kaurimuschel (Varatika), Muschelhorn (Shanka), Eierschalen (Kukkutandatwak), Schale von Tintenfischen (Samudra phena), sowie Talk (Dugdhapashan), Selenite, Gips (Godanti) und Hörner von Tieren (Mrugashrunga).
Darüberhinaus sind Wesen, Präparation und Wirkungen überliefert von: mineralischen Ausschwitzungen (Shilajatu), Realgar (Manaha Shila), Borax (Tankana), Calciumsilikaten (Badara Pashana), Alaun (Sphatika), Auripigment (Haritala), Arsenic (Gauri Pashana), verschiedene Arten von Glimmer (Abhraka), Ocker (Gairika), Eisenvitriol (Kashia), Kupfervitriol (Tuttha), Eisenpyrit (Raupya Makshika), Kupferpyrit (Svarna Makshika), Galmei (Rasaka, Kharpara), Antimon (Srotonjana), verschiedene Legierungen wie Glockenmetall (Kamsya), Messing (Pittala), Schwefel (Gandhaka) und vielen anderen mehr – insgesamt also eine steinzeitliche Apotheke, die sich sehen lassen kann.
Die Beschreibung von Wesen, Präparation, Anwendung und Wirkung der Substanzen ist durchwegs hermetisch-handwerklicher Natur und gründet auf der Kenntnis der 5 Elemente, der Säfte, Hüllen, Planetenkräfte, Signaturen, entspricht also im paracelsischen Sinne dem "rechten Umgang mit den Dingen der Natur".

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