Alchymie im Ayurveda

Das Bhasma

Neben den einfacheren Pishtis werden in der ayurvedischen Alchymie auch hochwertige Bhasmas, also eigentliche spagyrische bzw. alchymistische Zubereitungen hergestellt. Dabei setzt man den Mineralen und besonders den Metallen in den meisten Fällen während der Prozesse verschiedene Pflanzen zu, die dadurch auch "ins Werk hineingelangen". So ergibt die Präparation der Minerale und Metalle schließlich eine Art Rezeptur, in der allerdings "nur mehr" ein "Abdruck" der Pflanzen vorhanden bleibt und diese mittels chemischer Analysen meist kaum mehr nachgewiesen werden können. Im kochenden Topf, im glühenden Tiegel geben die zugesetzten Pflanzen Kraft und Wesen an die Minerale und Metalle ab, opfern sich gewissermaßen zu deren Erhöhung. Dennoch bleibt ihr spezifischer Eindruck vorhanden, und sie vermitteln den Präparaten unterschiedliche Färbungen und differenzierte Qualitäten. Somit wäre es etwas zu oberflächlich, würde man sagen: das ist ein Eisen-Bhasma, und dafür gelten immer diese und jene Indikationen. Es werden in Indien (soweit bekannt) an die 50 verschiedene Arten von Eisen-Bhasma hergestellt. Jedes heißt Loha-Bhasma, und diesem Familiennamen sind dann zusätzlich Bezeichnungen beigefügt, etwa der Name des Textes nach dem gearbeitet wurde, oder ein Begriff des Themas wozu es auf diese und jene Art gemacht ist. Jedes dieser Bhasmas hat eigene Wirkqualitäten, bedingt durch die zugesetzten Pflanzen.
Noch eine andere Differenzierung ist wegen des unterschiedlichen Zeitaufwandes der Verfahrens vorzunehmen. Es gibt Bhasmas, welche mit nur wenigen Calcinationen fertiggestellt sind, andere mit dutzenden, andere mit hunderten, mit tausend und mehr. Loha-Bhasma kann zB. mittels 13 Calcinationen bereitet werden, aber auch mit 1000 (Sahasra putti). Da letzteres bis zu 15 Jahren Arbeit erfordert, findet man es nur sehr selten und in alten Familientraditionen, wo es für einen bestimmten Zweck, oder einfach nur als eine Art Meisterstück oder als meditative Freude an der Sache ausgearbeitet wurde.

Selbstverständlich können Bhasmas auch von westlichen Alchymisten, wenn sie in diesen Verfahren kundig sind, angefertigt werden. Wo die in den indischen Vorschriften empfohlenen Pflanzenzusätze nicht verfügbar sind, verwenden sie dann Äquivalente:

Für Aufschließungsprozesse von Mineralen und Metallen kann die Rindenabkochung der Acacia arabica durch Eichenrindenabkochung ersetzt werden, das Guggul-Harz durch Myrrhe, das Öl der Arachis hypogaea-Samen durch Olivenöl, die indischen Bethelotia lanceolata-Blätter durch Sennesblätter, Ajwan, der wilde Sellerie-Samen durch Dillsamen, Anissamen oder Thymian, Chrysanthemenblüten (insbes. Chrysanthemum roxburghii, bzw. coronarium) durch Kamillenblüten, das Dekokt aus Kokkelskörnern durch eines aus Isländisch Moos, Cumin- durch Koriandersamen, Bhringaraj (Eclipta alba) durch Löwenzahn, Jatamamsi-Wurzel (Nardostachys jatamamsi) durch Baldrianwurzel und die Wurzelrinde von Arka (Calotropis gigantea und C. procera), dem "pflanzlichen Merkur" im Ayurveda, durch Ipecacuana, Sarsaparille und andere Pflanzen. Das sind nur wenige Äquivalenzmöglichkeiten unter sehr vielen, welche aus Überlieferung, Erfahrung oder Signatur erkannt werden, und meist spielt dabei eine wichtige Rolle, welches Ziel die Zubereitung verfolgt. Nehmen wir als Beispiel die Präparation des Hirschhorn-Bhasmas:

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