Alchymie im Ayurveda

Die Präparation des Hirschhorns als Beispiel einer gegenseitig befruchtenden Verbindung östlicher und westlicher alchymistischer Tradition

Das Hirschhorn (Marga Shringa) wird mindestens 3x mit dem Harz von Arka (Calotropis gigantea) verrieben und calciniert. Anstelle von Arka kann man nun aber genausogut Brennessel verwenden. Wichtig bei den Einzel-Zusätzen ist immer die Rasayana-Wirkung, also eine öffnende Kraft, die sich oft durch Schärfe, "Biß" oder Giftigkeit der Pflanze ausdrückt.
Nach diesen Verreibungen und Calcinationen ist das Horn-Bhasma grundsätzlich fertig. Üblicherweise werden zu seiner Präparation die Abwurfstangen der Hirsche gesammelt und in dünne Scheiben geschnitten. Die meiste Kraft steckt im Mark, also im dunkleren, mittigen Teil der Scheibchen, weswegen Manche den äußeren Rand verwerfen, während Andere die ganzen Stücke verwenden. (Auch daraus ergibt sich wieder eine Differenzierung zwischen verschiedenen, oft gleichnamigen Bhasmas).
Nach der dreimaligen Calcination des Horns mit Brennessel oder Arka kann noch ein vierter Durchgang hinzugefügt werden, nämlich Verreibung und darauffolgende Calcination mit Kuhmilch. Das gibt zwar ein wenig mehr Arbeit, macht das Präparat aber "rund" und benimmt ihm eine etwaige "übermäßige Hitze". Auch solche (speziellen) Schritte, wie sie in den zahlreichen Clan- bzw. Familientraditionen mannigfaltig erscheinen mögen, ergeben Unterscheidungskriterien der Bhasmas.

Nun verhält es sich so, daß während der Calcination des Hirschhorns zusammen mit Arka oder Brennessel im Inneren des verschlossenen Tiegels ein Prozeß abläuft, den die Vidyas als "Kochung" bezeichnen. "Calcination" ist ein gültiger Überbegriff, doch eigentlich "kochen" hier mehrere "Dinge" während einiger Stunden zusammen und verändern sich gegenseitig. Zu den bedeutsamsten Ereignissen im Inneren des Tiegels gehört folgendes: Die Feuerung wird so gehandhabt, daß die Temperatur während 5-6 Stunden sehr langsam ansteigt, bis daß der gewünschte Grad erreicht ist, den man dann einige Zeit unterhält. Im Tiegel destilliert, sublimiert, resolviert und extrahiert der Wurzelgeist des Horns (Spiritus Cornum Cervi) und es destilliert, sublimiert, volatilisiert und figiert das "rote Öl" des Horns (Oleum Cornum Cervi). Es kommt also die Regel zur Anwendung, daß jedes natürliche Ding das Mittel zu seiner Auflösung in sich hat. Dieses eigene, eingewurzelte Menstruum wird während der langsamen Kochung frei und wirkt auf die feste Substanz öffnend, und im Falle des Hirschhorns sogar elixirisch, weil dieses Sublimat reich an quintessentiellen, flüchtigen Salzen ist.

Im ayurvedischen Verfahren arbeiten sich diese flüchtigen Inhalte (Essig, Öl und Salz) im Tiegel vollständig auf und stehen für sich nicht mehr zur Verfügung. In der abendländischen Tradition wird Hirschhorn (zB. mit Sand vermengt) trocken destilliert, um diese flüchtigen Inhalte, seinen Geist (Wurzelessig, Spiritus Cornum Cervi) und sein rotes Öl zu erlangen. Beide ergeben nach mehrfachen Rectificationen hochwertige Produkte. Der Rückstand wird entweder verworfen oder noch zu einem simplen Hirschhornsalz weitercalciniert. Nun ergänzen manche ayurvedische Vidyas diesen ersten Teil, hierin der abendländischen Tradition folgend und destillieren zuerst Geist und Öl aus dem Horn, anstatt dieses gleich zu "verbrennen". Im Gegenzug lernen abendländische Alchymisten, den Rückstand aus der Trockendestillation zu einem Bhasma weiterzuarbeiten.

In der Praxis ist dabei wichtig, daß Wurzelessig (Geist) und Öl öfters über den Rückstand rectificiert werden. Das hat zwei Gründe: Erstens eben den der notwendigen, bestmöglichen Rectification der Flüssigkeiten und zweitens den der ebenso notwendigen Imbibation der Festsubstanz, welche ihrer Aufschließung und Erhöhung dient, sodaß sie dann auch zum Bhasma taugt. Nachdem auf diese Weise destilliert, rectificiert und imbibiert wurde und man schließlich zwei wertvolle, flüchtige Produkte aus dem Horn erhalten hat, kann der Rückstand mit Brennessel oder Arka vermischt und damit verfahren werden wie oben beschrieben zum Bhasma, dem dritten wertvollen (fixen) Produkt. Solche Möglichkeiten ergeben sich aus der ergänzenden Zusammenschau der Traditionen, und auf dieses Weise haben sich wohl seit Urzeiten jene Systeme herausgebildet, die wir heute als Traditionen bezeichnen. Auch das, zur Calcination des Goldes zugesetzte Hirschhorn kann (wenn es anfangs noch vom Gold zu scheiden ist) zu einem Bhasma von ganz besonderer Qualität weiterverarbeitet werden.

Wir erkennen an solchen Beispielen, daß verschiedene Traditionen sich gegenseitig ergänzen und bereichern können, und verstehen, wie die Alchymisten alter Zeiten auf ihren Reisen bislang unbekannte "Kunstgriffe" gelernt hatten. Wir sehen bei diesen Dingen aber auch, daß die ayurvedischen Bhasmas genausowenig oberflächlich bewertet werden dürfen, wie die Präparate abendländischer Spagyriker. So wie keine Melissen-Essenz der anderen gleicht, ist Loha-Bhasma nicht gleich Loha-Bhasma. Diese Ungleichheit ist nur dann dem therapeutischen Anwender ein Hindernis und dem Kritiker eine Freude, solange sie nicht die Ganzheitlichkeit des Lebens verstehen, die der Grund der Heilkunst ist. In der Natur gibt es keine Gleichheit, sondern nur Ähnlichkeit. Je näher der Gleichheit, umso näher dem Leblosen und Erstarrten, dessen Signaturen uns Asche, Schnee und Wüstensand zeigen. Dieses Naturgesetz betrifft auch die Heilmittel, welche eben "lebendig" in jeder Weise sein sollten.
Auch die Ausgangssubstanzen zu oft gleichnamigen Bhasmas bedingen mehr oder weniger unterschiedliche Endprodukte. Das beste Loha-Bhasma wird aus jenem Eisen hergestellt, welches man zuvor aus Pyrit (Raupya Makshika) extrahiert.
Das Kupfer ist das Metall der Venus und hat eine ganz besondere Beziehung zur Sonne. Darüber könnte man sich wieder lange in hermetischem Denken üben. Das ayurvedische Kupfer-Bhasma (Tamra-Bhasma) wird deswegen auch "Sonnen-Bhasma" genannt. So findet man alle Synonyme der Sonne in seiner Namensbezeichnung gebräuchlich, zB.: Surya-Bhasma. Weil die Sonne aber auch besonders mit der feurigen Loha-Kraft korrespondiert, ja diese ein Teilaspekt der Sonne ist, wird auch ein Kupfer-Bhasma bisweilen als Loha-Bhasma bezeichnet. Darin steckt eine Anspielung darauf verborgen, daß sich das feurige Spektrum mit seinen solaren und martialen Aspekten noch einmal im "Metall des (venerischen) Erdelements" ausdrückt. Den Ausgangsstoff für ein ganz besonderes Kupfer-Bhasma liefern Pfauenfedern. Etwa 10 000 davon werden mit Borax (Tankana) verrieben. Tankana heißt auch Loha-Shodana, also „das Loha-Reinigende“. Nach dieser ersten trockenen Extraktion wird schließlich bei hoher Temperatur ein kupferiger, zum Bhasma tauglicher Ausgangsstoff aus den Pfauenfedern gewonnen. Man kann sich vorstellen, daß in diesem Falle wieder ein bedeutender Unterschied (welcher Art auch immer) zwischen Tamra-Bhasma und Tamra-Bhasma besteht.

Diffizile Untersuchungen in modernen Laboratorien dokumentieren dazu die Unterschiede der Verfahrensweisen bezüglich grobstofflicher Veränderungen:

(1) Der Hämoglobingehalt bei Versuchstieren (Kaninchen) erhöhte sich bei der Verabreichung eines allopathischen Eisenpräparates (Eisensulfat) um 2, 345 g/dl im Blut.

(2) Nach der Gabe von Loha Bhasma (Eisen-Bhasma) – durch 7 Calcinationen hergestellt – erhöhte er sich um 3, 04 g/dl, also schon beträchtlich mehr.

(3) Mit 100 x calciniertem Bhasma (Satputti) erhöhte er sich um 3,96 g/dl
und mit 1000 x calciniertem Bhasma (Sahasra putti) um 5,05g/dl. (Durchschnittswerte).

(4) Durch die Calcinationen und dazwischenliegenden Aufbereitungsschritte (Mörsern mit Zusätzen) erhöhte sich die Teilchenzahl des Eisensulfats von 2,265 x 10 hoch 8 auf 1,130 x 10 hoch 9 / Gewichtseinheit.

(5) Ebenfalls erhöhte sich die spezifische Oberfläche der Teilchen von 0,460 x 10 hoch 3 cm2 / G auf 1,901 x 10 hoch3 cm2 / G und hatte sich damit also gut vervierfacht.

nach: Ancient Science of Life, Vol. No. XV 2. Oct. 1995, pg. 140-144

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