Alchymie im alten China

Als Vergleich zur abendländischen Situation von Alchymie und Heilkunst stehen uns vor allem asiatische Traditionen zur Verfügung. Im Westen ist heute eine Zusammenfassung einiger Aspekte heilkundlicher Systeme unter der Bezeichnung TCM bekannt. Dieser bedeutende naturheilkundliche Zweig ist durchdrungen vom selben hermetischen Grundverständnis wie die abend-ländische Spagyrik und Alchymie. Was aber die aktuelle Heilmittelherstellung betrifft, so werden alle Substanzen, Pflanzen, Minerale, Metalle und tierische Produkte beinahe ausschließlich unaufgeschlossen, aus hermetischer Sicht in "derber, roher" Form angewandt. Zwar war die Alchymie im alten China ebenfalls eine hochstehende Wissenschaft – es ist aber anzunehmen daß insbesondere während der letzten Jahrhunderte einige hinderliche Faktoren bewirkt haben, daß sie, zumindest in den weiterverbreiteten Formen der Arzneimittelkunde fast vergessen ist.

Im Zhan Guo Ce wird berichtet, daß ein König im Staate Chu um 400 v. Chr. von Alchymisten ein "Lebenselixir" anfertigen ließ. Quin Shi Huang entsandte um 200 v. Chr. tausende Männer und Frauen in die ganze Welt, um Alchymisten zu treffen und einzuladen. Kaiser Wu Di (2. Jhdt. v. Chr.) betätigte sich selbst alchymistisch und hielt stets Verbindung mit Alchymisten unter seinem Volke.

Seit Urzeiten wurden Arbeiten mit Zinnober (chin.: Dan Sha) hoch geschätzt – von der Bereitung einfacher Medizinen und Kompositionen, bis zum Großen Elixir – ganz entsprechend den Hinweisen des Paracelsus, daß mit diesem Mineral ein Weg zum begehrten "Roten Löwen" oder zumindest zum echten Aurum Potabile zu finden sei. Bao Pu Zi beschreibt lange Zeit vor Paracelsus ein ähnliches Verfahren zur Herstellung von "trinkbarem Gold" ohne die Hilfe starker Säuren. Gleich mit den anderen Traditionen war bei den Alten Chinas das höchste, durch alchymistische Kunst zu erlangende Elixir, das höchste Heilmittel für den Menschen, zugleich auch ein Transmutationsmittel für unedle Metalle. Im Bao Zang Chang Wie Lun (10. Jhdt.) werden 15 Arten durch die "Kunst" bereitetes Gold erwähnt, wobei anzunehmen ist, daß bei den damals sehr hohen metallurgischen Kenntnissen mit Gold auch tatsächlich Gold gemeint war. (Selbst im Europa der Keltenzeit war die Metallurgie noch dermaßen hochstehend, daß gewisse Legierungen das heutige Verständnis übersteigen).
Ähnliche Beschreibungen von "durch die Kunst bereitetem Gold" finden sich in jahrtausendealten vedischen Traktaten. Daß man solcherart Gold unterscheiden mußte von absichtlich zur Täuschung benutzen Legierungen wurde (zB. von Li Shizhen im Ben Cao Gang Mu, dem >Abriß der Arzneimittelkunde<, 16. Jhdt.) eindringlich erklärt.

Die alchymistischen Texte des alten Chinas erwähnen dieselben Wege – den nassen (lösungstechnischen) wie den trockenen (pyrogenen) Weg zur Darstellung ähnlicher Präparate, wie wir sie auch in der abendländischen Alchymie kennen. Der Alchymist Bo Yang (25 – 200) beschreibt im Zhou Yi Can Tong Qi, daß ihm etwa 600 Abhandlungen über Verfahren mittels des "trockenen Weges" zur Verfügung stünden. Ein sehr alter taoistischer Text beschreibt 54 Verfahren des "nassen Weges" zur Aufschließung von 34 Mineralen und einigen weiteren Substanzen, auch pflanzlicher Art. Das Scheidewasser, der Spiritus Nitri der abendländischen Alchymisten, war als Xiao Shi beliebt – insbesondere zur Aufschließung von 72 Arten von Steinen.
Unter den mannigfaltigen alchymistischen Verfahren wird bereits in den ältesten Texten von "Aufschließen durch Schmelzen" (hua), Scheidung durch Lösen eines Teils einer Substanz (lin), Figieren (feng), Gären (niang), Filtirieren, Umkristallisieren und sogar von Projektion mittels eines Elixires (dian) berichtet. Die Auflösungen mit pflanzlichen und mineralischen Menstrua wurden in keramischen Gefäßen gemacht. Zur Aufschließung des Zinnobers war Spiritus Vitrioli veneri von großer Bedeutung.
Beliebte Arbeiten wurden mit Blei bzw. dessen Verbindungen ausgeführt. Qing Xu Zi ("Meister der Einfachheit und Gemächlichkeit") berichtet im 8. Jhdt. über eine „Methode zur Herstellung des Elixirs“ aus Blei, Schwefel und Salpeter mithilfe von Essig. Ähnliches berichtet Sun Simiao (6. Jhdt.) in seinen >Methoden der Feuerbehandlung< (fuhuo). Ge Hong berichtet im 4. Jhdt. über Arbeiten mit Eisen und Kupfer.

Für alchymistische Zwecke wurden Brennöfen, Kessel, Sublimiergefäße, Tiegel, Retorten u. dgl. hergestellt. Während der Jijilu ein einfacher Ofen war, hatte man dem Weijilu ein Wasserbad angeschlossen. Kessel und andere Gefäße wurden aus Gold, Silber, Kupfer oder Porzellan angefertigt – Vorrichtungen zur Wasserkühlung vor allem aus Silber.
Insgesamt wurde also von den Alchymisten im alten China eine lange Reihe kunstgemäß aufgeschlossener Präparate aus Edelsteinen, Jade, Türkis, Quarzen, Hämatit, Azurit, Magnetit, Kalk, Kreide, Salz, Perlen, Blei, Schwefel, Gold, Silber, Zinn, Galmei, Kupfer, Malachit, Quecksilber, Alaun, Salpeter, Talk, Tonerden, Salmiak, Essigen, Alkoholen, Pflanzen und anderen "natürlichen Dingen" hergestellt.

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