Textauszüge zur spagyrischen Praxis

Die spagyrische Essenz
Erster Schritt:
Die Darstellung des ersten Sulfur-Prinzips aus Pflanzen

Frische oder getrocknete Pflanzen werden mit destilliertem oder anderem, hochwertigen Wasser übergossen und darin kurze Zeit digeriert (in der Regel wenige Stunden bis ein oder zwei Tage). Jedenfalls sollte während der Digestionszeit keine echte Gärung einsetzen. Eine leichte Umwandlung bzw. Öffnung, eine sogenannte aromatische Gärung ist bisweilen erwünscht. Andere lassen diese Digestion (besonders bei Frischpflanzen) überhaupt aus.
In jedem Fall wird danach – quasi als erster, eigentlicher Schritt zur Pflanzenessenz – der Anteil an ätherischem Öl und/oder aromatischen, feinriechenden, typisch schmeckendem Wasser abdestilliert. Das rectificierte Destillat behält man entweder insgesamt als Ausdruckdsform des "flüchtigen Sulfurs" (Sulphur volatile), oder man scheidet davon das ätherische Öl (und gibt Hydrolat und Phlegma zusammen zum Rückstand). Hierzu sind meherere Varianten üblich. Manche scheiden das Öl (sofern die Pflanze eines gibt), gießen das Wäßrige zurück und destillieren von Neuem – so oft, bis alles Ölige, Fettige oder Aromatische heraußen ist. Eine ander Möglichkeit ist, diesen ersten Schritt auszulassen und das Sulfur-Prinzip erst später (aus der "Farbe") darzustellen.

Die Darstellung "eines Sulfurs" ist Voraussetzung für die Betitelung "spagyrische Essenz". Sulfur entspricht der Sonne und dem Seelenhaften. Eine spagyrische Essenz herzustellen bedeutet Sulfur, Merkur und Sal aus dem Pflanzenkörper zu scheiden, zu reinigen und wieder zu vereinen. Dies ist vielleicht der bedeutendste Unterschied zur "spagyrischen Tinktur" und beschreibt auch die, im hermetischen Sinne "höhere" Form der Präparation.
Stehen die alkoholisch-merkurialen Prozesse, insbesondere die Mazeration am Anfang der Präparation, dann heißt das einfach und allegorisch ausgedrückt: Die Seele ersäuft im Alkohol / Die Sonne verliert sich im Mond / Das Feuer wird von Merkur verschluckt / Der Mensch verliert seine Aufmerksamkeit (Seele), die vollständig vom Gemüt (Mond) aufgesaugt wird / usf.
Die Scheidung von von Sulfur und Merkur, von Sonne und Mond, Seele und Gemüt (allegorisch und nicht begriffsgenau), als Vorschrift zur "spagyrischen Essenz" weist die spagyrisch/alchymistische Kunst als eine alte initiatische Wissenschaft aus. Die initiatische Scheidung der Seele von Körper und Gemüt entspricht dem "Mensch erkenne dich selbst" der alten Griechen. Diese Dinge werden wir hier nicht näher ausführen, da sie zur Spiritualität gehören, wir uns aber an dieser Stelle mit einfacher "Naturkunde" befassen.
Es verhält sich auch in der laborantischen Praxis so, daß wenn das in der Pflanze enthaltene ätherische Öl (als Vertreter des Sulfur-Prinzips / Sonne / Seele) erst einmal im Alkohol (dem Vertreter des Merkur-Prinzips / Mond / Gemüt) gelöst ist, die beiden kaum mehr voneinander getrennt werden können. Setzt man etwa einen getrockneten Salbei – reich an ätherischen Ölen – zur Mazeration in Alkohol an, dann ist es danach nicht mehr möglich das ätherische Öl auch nur annähernd vollständig (wenn überhaupt) aus dem Mazerat zu scheiden. (Es gibt umständliche Wege, durch die ein wenig Sulfur "gerettet" werden kann). Das bedeutet sinngleich: die Aufmerksamkeit, die Seelenkraft des Menschen hat sich vollständig im Gemüt zerstreut – der Mensch hat sich selbst verloren. Obgleich die Seelenkraft des Menschen nur indirekt mit dem verbunden ist, was wir unter Individualität verstehen, so gilt das bei der Pflanze voll und ganz. Ihr individueller Charakter wird wesentlich beeinträchtigt, wenn man das Sulfur-Prinzip nicht (von Merkur und Sal) scheidet. Anders ausgedrückt: Erst wenn die Seele in Sicherheit gebracht worden, ist können die Dinge des Gemüts auf eine rechte Art "ausgegoren" werden. In der Praxis führen manche Arten anfänglicher Gärung zu Kompromissen, wenn der sich bildende Alkohol nicht so stark ist, daß er den ätherischen Anteil wesentlich überwindet. (...)

Die Herstellung einer "spagyrischen Essenz" ist aufwendiger, als die der "spagyrischen Tinktur". Sie erfordert mehr Zeit, Geduld und Können, besonders dann, wenn die Rectificationen sehr genau durchgeführt werden sollen. Das mag ein Grund sein, warum heute dem Therapeuten beinahe ausschließlich Tinkturen zur Verfügung gestellt werden und kaum je echte Essenzen. Darüber darf eine oft irreführende Betitelung nicht hinwegtäuschen, welche "Essenzen" (oder gar "Elixire" und "Quintessenzen") vorgibt, aber in Wahrheit bloß Tinkturen zum Inhalt hat. Das verwundert nicht, und man findet dieses Phänomen der Übertreibung bei vielen Produkten, wenn sie gerade "modern" werden und es Konsumenten wie Anwendern noch an ausreichender Aufklärung mangelt. Auch in der alten spagyrisch/alchymistischen Literatur sind die rechten Termini und Betitelungen nur in eher wenigen, tatsächlich fundierten und ernsthaften Werken zu entdecken. Viele Autoren berührten die alchymistische Kunst nur am Rande oder schrieben von den Alchymisten ab und interpretierten deren Traktate nach ihrem Verständnis. Die Termini und Bezeichnungen fielen dann auch dementsprechend aus. "Echte Künstler" stellten dann wieder die Dinge richtig zusammen, wie etwa Agricola in seiner >Chymischen Medizin<, worin er ein Werk von Poppius kapitelweise zitiert und dessen "philosophische und geheime" Präparationen immer wieder auf "gemeine, nicht besonders kunstvolle Präparationen" zurechtstutzen muß. Allseits bekannt, scheinen diese Umstände auch dem Paracelsus einigen Ärger bereitet zu haben – und wüden dies heute noch viel mehr tun, wenn man bedenkt wozu sein Name mißbraucht wird.

Beispiele dazu:

Poppius: „Oleum Vini zu machen. (...) so man desselbigen haben will, so soll mans (...) und in einem Gläslein wohl verwahren.“

Agricola: „Nota. Daß das wahrhaftige Oleum Vini in dem Tartaro stecken sollte, wie der Author vorgibt, ist nicht, es stecket zwar ein Oleum darin, aber es ist vielmehr ein Oleum Tartari denn ein Oleum Vini. Das rechte Oleum muß aus (...).“

Poppius: „Salis Quintae Essentiae Praeparatio. Nimm sal gemmae, knete das unter Töpferton, (...).“

Agricola: „Nota. Dieser Prozeß lautet, als sollte es Quinta Essentia Salis sein, ist aber nicht, sondern es ist eine subtile Extraction oder Sublimation des Spiritus Salis, (...).“

Poppius: „Den Salmiac zu einem Wasser (zu) destillieren, in welchem man alle Metalle solvieren kann. (...) so tue die Spiritus in eine neue Retorte und rectificier dieselbigen, so ist dieses Wasser bereitet. (...)“

Agricola: „Nota. Unser Author sagt in diesem Prozeß, wie der Spiritus Salis Harmoniaci soll erlanget werden, aber dieser Spiritus ist mehr ein Scheidewasser als ein Spiritus Salis Harmoniaci, wie aus der Composition zu sehen, derwegen ist er unserem in keinem Wege zu vergleichen, (...).“

Poppius: „Eine andere Art, die Corallen zu solvieren und ihre Kraft zu extrahieren. (...) In dieser Essentia Corallorum ist nun verborgen die ganze Kraft und Tugend der Corallen. (...)“

Agricola: „Nota. Unser Author setzet allhier noch einen Proceß, die Corallen zu solvieren und ihre Essentiam zu extrahieren, er ist aber so obscur, (...). Ich will aber fideliter erzählen, wie die Corallen auf eine rechte und sonderbare Weise sollen präpariert und ihre wahrhaftige Essentia hervorgebracht, und so in eine hochgelobte Medicin versetzet werden. (...).“

Poppius: „Aus den Blättern der schwarzen Niesewurzel ein Extract zu machen. Nimm die Blätter von schwarzer Niesewurzel, soviel du haben magst, (...). Darüber gieße guten Branntewein, der die Kraft wohl darausziehe, und den Spiritum hernach in Balneo davondestilliert, (...).“

Agricola: „Nota. Unser Author hält in allen Extractis nur einen Proceß und Modum, nämlich daß er die Species mit Spiritu Vini extrahiert – diese Extraction aber ist in vielem nicht zu loben, (...).

So wie eine "spagyrische Essenz" in einem höheren Grad der Kunst präpariert wird als eine Tinktur, verhält es sich dann auch mit der Wirkung. Sie ist tiefgreifender, durchdringender und vollständiger. Die Grenze zwischen Tinktur und Essenz ist jedoch bisweilen eine fließende, und die Betitelung alleine sagt nicht unbedingt etwas über eine "bessere" oder "schlechtere" Heilwirkung aus. In jedem Falle sind Arbeitsweise und "Kunst" des Praktikers ausschlaggebend. Zudem ist es für den Therapeuten auch nicht immer notwendig, ein möglichst weit ausgearbeitetes Pflanzen-Präparat einem ganz einfachen vorzuziehen.