Die Quintessenz

oder:

Jedes natürliche Ding birgt das Mittel zu seiner Auflösung in sich

Die Quintesssenz eines natürlichen Dinges (und in gewisser Weise auch schon sein rectificierter Wurzelessig) ist am Besten geeignet, eben dieses Ding zu lösen und (wiederum) eine Essenz oder Quintessenz daraus zu erlangen. Eine Auflösung, Extraktion oder Essenz kann man erlangen, indem ein neues Ding derselben Art mit dem Wurzelessig jenes Dinges angesetzt wird. Eine Verwandlung, eine Separation der Quintessenz und eine Generation des inneren Merkurs wird aber erst dadurch erreicht, indem man nicht nur den Wurzelessig, sondern eine, aus jenem Ding bereitete Quintessenz, welche zugleich ein Alcahest sein kann, auf ein neues, gleiches Ding oder auf einen anderen Teil desselben Dinges gibt. Deshalb heißt es in der Goldenen Kette des Homer: "Jedes Ding birgt das Mittel zu seiner Auflösung in sich".

Weiters kann mit diesem Menstruum auch eine Quintessenz (oder wieder ein Alcahest) aus einem anderen Ding erlangt werden, welches dem ersten nach Art und Wesen verwandt ist. So verhält es sich etwa mit Schöllkraut und Gold, welche beide durch ihre ausgeprägte solarische Natur miteinander verwandt sind (vgl.: J. G. Toeltius, Coelum Reseratum Chymicum, Cap. 33). Das ist möglich, weil die Quintessenz an sich nicht mit der spezifischen Ausdrucksform eines Dinges identisch ist, sondern als "Idee" ein relativ weites Spektrum an grobstofflichen Ausdrucksmöglichkeiten umfaßt .

Als Drittes gilt: je höher bzw. universaler das "Ding" oder das daraus gewonnene Menstruum ist, umso größer wird das Spektrum der Dinge sein, worauf es in diesem Sinne einwirkt, sie also in eine Quintessenz verwandelt. Dabei gilt es umso mehr, je weniger dieser Alcahest irgendeinem Ding von seinem eigenen, spezifischen Wesen mitteilt (und umgekehrt). Er sollte sich bei dem Prozeß der Scheidung, Extraction oder Verwandlung möglichst neutral verhalten. Dies wird durch den Satz ausgedrückt, der immer wieder in der alchymistischen Literatur, am Ende der Extraktions- oder Umwandlungsprozesse gefunden wird: „Danach destilliere dein Menstruum ganz gelinde ab – du erhältst es, wie es zuvor war, und du kannst es wieder verwenden, sooft dir beliebt.“

Paracelsus lehrt eine Quintessenz aus den Kräutern ohne den Zusatz anderer Substanzen zu bereiten, indem er zuerst aus den Kräutern eine Quintessenz zieht und diese dann auf frische Kräuter derselben Art gibt:

Nimm die frischen Kräuter, zerstoße sie, und setze sie in einem wohl verschlossenem Glase (oder noch besser in einem irdenen Gefäß) auf vier Wochen in den Roßmist oder an einen anderen warmen Ort. Danach destilliere aus dem Wasserbad was gehen will und hebe es auf. (Das erste Destillat ist bereits Quintessenz, weil während der vierwöchigen Putrefaction die Prinzipien geschieden und ein volatilisches Salz generiert wurde). Danach putreficiere wieder acht Tage, und destilliere dann von Neuem alles über. Und je mehr Quintessenz am Boden ist, umso mehr putreficiers und destilliers.
Danach nimm das (gut rectificierte) destillierte "Wasser" und gieße es über frische Kräuter (derselben Art). Digeriers sechs Tage im Pelican (es folgt eine Zeit der gelinden Circulation in einem geeigneten Gefäß). Dann destilliere dein Menstruum aus dem Wasserbad zurück. Du kannst es wieder für frische Kräuter verwenden. Die Quintessenz aber bleibt am Boden. Diese scheide von den Feces (Schlacken).

nach oben - weiter »