Die Quintessenz

oder:

Jedes natürliche Ding birgt das Mittel zu seiner Auflösung in sich

Die erste, junge Quintessenz (potentiell im Destillat des Putrefacts) ist in den frischen Kräutern aktiv geworden und setzt sich also gereift und verwandelt in die Quintessenz der frischen Kräuter in Fundo der Retorte nieder. Eine neue, junge Quintessenz (in Potentia) wird abdestilliert (das heißt: Das erste Menstruum wird nicht "zurückgewonnen", sondern ein neues seiner Art generiert) und muß erst wieder "wirken", um dann selbst zur eigentlichen Quintessenz werden zu können (welche wiederum in Fundo bleibt).

Die Idee dieser Arbeit auf das große Rad der Natur übertragen würde bedeuten, daß keine Quintessenz möglich ist, ohne daß zuvor bereits eine Quintessenz wirkte, und man frägt zurecht: Was war zuerst, die Ursache oder die Wirkung, die Frage oder die Antwort? Deshalb ist der Ouroboros ein Bild der Natur und seine Aufschließung die Kunst des Menschen.

Gleichnishaft ist dies auch mit dem Menschen so: Wenn eine Frage oder ein Problem auftaucht, dann sind Antwort und Lösung bereits im selben Grund vorhanden und müssen nur hervorgebracht werden. Die Qualität des "Lösungsmittels" ist abhängig von der Wesentlichkeit der Frage oder des Problems und von der "Kunstfertigkeit" seiner Zubereitung. ("Gemeiner" Wurzelessig gibt eine andere Lösung als eine hohe Quintessenz oder ein Alcahest).
Sind nun aus dem Urgrund der Frage oder des Problems Antwort und Lösung hervor-gebracht, dann könne diese (in einem gewissen Rahmen) auch zur Beantwortung und Lösung ähnlicher Fragen und Probleme dienen.
Handelt es sich dabei um "Zubereitungen" von hoher, universaler Natur, dann bieten sie, je nach Grad, für viele verschiedenartige Fragen und Probleme Antwort und Lösung. Von den großen Alchymisten zur Zeit der "Alten" heißt es, sie hätten ein "Universal-Menstruum" besessen, womit die Quintessenz aus jedem Ding in kurzer Zeit bereitet werden konnte.

Bei einfachen spagyrischen Pflanzenessenzen können Sulfur (ätherisch-aromatische Teile) und Merkur (geistig-alkoholische Teile) durch die Destillation wieder weitestgehend vom Salz geschieden werden, eben weil dieses hauptsächlich fix ist. Zwar spricht man auch bei der "Essenz" manchmal schon von einer "wiedergeborenen" Pflanze, diese kann aber (nach der pentagrammatischen Anschauung der Elemente) die "Ätherschleuse", den "Schnittpunkt derAcht" noch nicht vollständig durchqueren, um danach erneuert und elixirisch in den "nächsten" Elementereigen hineinzuwirken. Das Zeichen dafür ist, daß sie eben bei der Destillation das Sal-Prinzip weitestgehend hinter sich läßt. Ein Schritt weiter in die Richtung einer vollständigen "Wiedergeburt" wären einige, der Coagulation folgende Kohobationen, bei denen Sulfur und Merkur immer wieder auf das Sal zurückgegossen werden. Mit der Zeit könnte sich ein mehr oder weniger geringer Anteil des fixen Salzes dann als Sal volatile er-heben und bliebe mit den beiden anderen vereint.
Es gibt verschiedenartige Wege zur Quintessenz, vielleicht mehr, als zur typischen Pflanzenessenz. Zum einen sind da Methoden, das fixe Salz flüchtig zu machen, zum andern wird auch ein Schwerpunkt auf das, durch das Wirken der Natur generierte Sal volatile gelegt. Letzteres entspricht mehr einem "weiß man" als einem "macht man". Man weiß darüber Bescheid, unter welchen Bedingungen die Natur jenes Sal hervorbringt und kennt auch dessen Verbindung mit dem Begriff "Merkur". Dann muß man nur mehr dieses naturgegebene Sal, diesen besonderen Merkur, auf andere, geeignete Dinge einwirken lassen und verwandelt diese in eine eigentliche Quintessenz.

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