Die Quintessenz

oder:

Jedes natürliche Ding birgt das Mittel zu seiner Auflösung in sich

Wenn man eine spagyrische Tinktur oder Essenz abdestilliert, dann bleibt ein nicht-flüchtiger Rückstand im Kolben zurück – das Salz. Sulfur und Merkur gehen in den Recipienten über. (Vorausgesetzt Tinktur oder Essenz sind farblos, ansonsten bleibt auch der größte Teil der Farbe zurück). Das Sal-Prinzip (seine Ausdrucksformen) haben einen fixen Charakter. Sulfur und Merkur (ätherisch-ölig / aromatisch und alkoholisch / phlegmatisch) sind eher geistiger Natur und von flüchtigem Charakter (volatil).
Alle 3 Prinzipien zusammen bei der Destillation überzuführen bedeutet den Rang einer Quintessenz erlangt zu haben. Johann Kunckel von Löwenstern nennt das „ein untrennbar verbindendes Band schaffen“. Die beiden Geister lassen das Salz (den Körper) nicht mehr zurück, sondern steigen zusammen mit ihm auf. Dieses durch die "Kunst" zu erreichen gibt es mehrere Wege, welche allesamt auf eine Öffnung und Subtilisierung des Erdelements abzielen und geeignet sind das fixe in ein flüchtiges Salz (Sal volatile) zu verwandeln. Mittels solcher Wege erhält der Spagyriker eine Kategorie von Quintessenz. Die Bereitung des oben beschriebenen Clissus kann als eine Art Vorübung dazu angesehen werden. Es wird bisweilen zurecht behauptet, daß es mehr und verschiedenere Wege zur Quintessenz gibt, als zu Tinktur oder Essenz. In jedem Fall muß hierzu eine entsprechende Aufschließung des Salzes erfolgen. In der Regel wird aber nicht das gesamte fixe Salz volatilisiert werden können, sondern nur ein mehr oder weniger großer Teil davon. Solcherlei Arbeiten können weit über die "Herstellung eines Heilmittels" hinaus und hinein in die Gefilde der "höheren Alchymie" führen, zur Darstellung von hohen Menstrua und Alkahesten.
Das hat seinen Grund darin: Wann immer ein fixes Salz dermaßen aufgeschlossen wurde, bekommt es (in der Verbindung mit den anderen Prinzipien) elixirischen Charakter – die Quintessenz ist gleichzeitig auch das Elixir. Das bedeutet, daß wenn dieses Mittel auf andere, rohe Substanzen oder Körper einwirkt, dann wird es auch in ihnen jenen Veredelungsprozeß des Erdhaft-Salinischen anregen und dort wieder Quintessenz hervorbringen. Das ist ein "elixirischer" Charakter. Elixir bedeutet in der alchymistischen Terminologie also das Wirken von etwas Quintessentiellem.
Diese Überlegungen führen zum Begreifen einer anderen Kategorie von Quintessenz – nämlich die "gewußte" (im Gegensatz zur oben beschriebenen "gemachten"). Nach dem hermetischen Naturverständnis weiß der Praktiker, daß im "Mondenzustand" jener überall beteiligte Merkur erneuert, regeneriert und zugleich ein neuer Merkur geboren (generiert) wird. Das Passieren des Merkurs durch die "Ätherschleuse", durch den "Schnittpunkt der Acht", bedingt, daß er sich vom rein Geistigen in die Form eines flüchtigen Salzes verwandelt. So ist er Quintessenz – wie es in der Literatur heißt: Salinisch, wäßrig/luftig und zuinnerst feurig zugleich. Sobald er in dieser Form auf Materie einwirkt, wird er Elixir. Das "erste Quintessetielle" kommt als "erster Merkur" de Potentia in Actu, vom Vermögen in die Wirkung – wird zur "zweiten", wirkenden Quintessenz und damit zum Elixir.
Wir sehen, daß sich hier ein großes Thema der Alchymie auftut und es dem unbedarften Laien nicht so ohne weiteres möglich ist einzudringen. Dennoch müssen wir die Dinge ein wenig skizzieren, sei es um nur einige Assoziationen hervorzurufen, worum es sich bei den Begriffen (und Präparaten) Quintessenz und Elixir eigentlich handelt. Das ist nicht zuletzt deshalb notwendig, weil allerlei Mitteln gerade solch klangvolle Namen gerne gegeben werden, die dann aber mit der Sache nichts zu tun haben. Man findet einfache Tinkturen als Quintessenzen und einfache Kräutermischungen und Säfte in Alkohol als Elixire bezeichnet. Man findet auch obskure Darstellungswege beschrieben, so etwa, daß ein einfaches Mittel "nach seiner dritten Destillation" zur Quintessenz wird und dergleichen mehr. Das ist "in der Kunst" nicht so gemeint.

« zurück - nach oben - weiter »