Die Quintessenz

oder:

Jedes natürliche Ding birgt das Mittel zu seiner Auflösung in sich

Die "gewußte" Quintessenz wird während der Putrefaction erschlossen – deshalb der Beiname "gewußt", weil das Wissen um die hermetischen Prozesse während der Putrefaction dann erlaubt diese generierte Quintessenz elixirisch einzusetzen und damit "eigentliche" Quintessenzen (in actio) darzustellen.
Eines der bezeichnendsten Beispiele dazu ist die Anleitung des Paracelsus eine Quintessenz aus einem Kraut (z. B. aus der Melisse) herzustellen. Ausgangsmaterial sind dazu immer frische Pflanzen. Bei getrockneten ist dieser elixirische Merkur schon verflogen. Aus ihnen kann man bestenfalls durch kunstvolle Salz-Aufschließungen, Kohobationen etc. eine "gemachte" Quintessenz erlangen.

Paracelsus nimmt frische Pflanzen und putreficiert sie einige Wochen. Danach destilliert er die ("erste") Quintessenz ab. Deren elixirisches Wesen wissend und anwendend übergießt er nun erneut frische Pflanzen damit. In denen wird jetzt durch eben dieses Wirken der "ersten" die Generation von "neuer" Quintessenz angeregt. Die "neue" destilliert er wieder ab. Sie wird aufbewahrt und kann für dergleichen Arbeiten wieder verwendet werden. Die "erste" hat bereits gewirkt und bleibt deshalb in der Retorte zurück. Durch Auspressen und Klären wird sie fertig dargestellt. Sie hat Farbe, eine gewisse Dicke und Geschmack.
Das heißt: Wenn ein "Naturgeist" ("ein Merkur") frisch generiert oder "herausgearbeitet" wird, dann ist er (seiner Natur nach) zwar immer noch "stoffhaftend" aber dennoch bis zu einem gewissen Grade flüchtig. Er gleicht in seinem Verhalten dem Mond, welcher zu leicht ist, um auf die Erde zu stürzen und zu schwer, als daß er ins Weltall fortfliegen könnte. Dies ist der Urzustand des Lebendigen – eben Merkur – als Kolloidalität. Wenn dieser "Merkur" nicht entflieht, sondern sein Potential wieder in den Elementereigen einbringt, um an der Substanz veredelnd zu arbeiten, dann erfüllt er damit seinen Zweck und "kann sich zur Ruhe setzen" – er bleibt als "gereifte Quintessenz am Boden der Retorte". Dies ist die zweite Kategorie der Quintessenzen, welche durch Putrefaction aus frischen Pflanzen erreicht wird.
Die Grundidee scheint einfach – die Ausarbeitung erfordert viel Zeit und Kunstfertigkeit. Um die lange Zeit wesentlich zu verkürzen, haben die Kundigen wohl schon seit Urzeiten Mittel ersonnen, deren Zubereitung zwar ein einmaliger, größerer Aufwand ist, die dann aber immer wieder imstande sind aus jeglichem "Ding der Natur" im Nu eine Quintessenz zu ziehen. Ein solches, heute noch gerne dargestelltes Mittel ist das Circulatum Minus, welches fast ausschließlich im Pflanzenreich wirkt. In seiner einfachen Form zieht es aus frischen Pflanzen in wenigen Minuten eine Quintessenz in fettiger oder öliger Matrix. Nach deren Abscheidung und der Klärung des Circulatum durch Destillation, kann es immer wieder verwendet werden. (> Circulatum Minus des Baron Urbigerus, wiedergegeben und kommentiert in Manfred Junius" >Handbuch der Pflanzen-Alchemie<, 1982). Andere Circulati oder Alkaheste greifen in derselben Weise in mineralische und metallische Substanzen in kurzer Zeit dermaßen veredelnd ein.

Gut geführte Gärungen oder Fermentationen stehen dem Wesen der Putrefaction nahe. Auch dabei können flüchtige Salze generiert werden, welche bei entsprechenden nachfolgenden Destillationen und Rectificationen bis zu einem gewissen Grade elixirisch wirken. Man wird deshalb eine sehr kunstvoll, mittels Gärung erarbeitete spagyrische Tinktur zwar nicht als Quintessenz, aber doch bis zu ebendiesem Grad auch als Elixir bezeichnen dürfen, wenngleich der Terminus auf ein "höheres" Verfahren hinweist – besser wäre die Bezeichnung "elixirische Tinktur". Ähnlich verhält es sich mit sehr kunstvoll und aufwendig bereiteten spagyrischen Essenzen. Wird das Salz bei trockener Coagulation durch Imbibieren mit dem öligen oder harzigen Sulfur genügend geöffnet und mittels nachfolgender Kohobationen (der drei Prinzipien) zum Teil flüchtig gemacht, dann hat auch diese "Essenz" durchaus quintessentiellen, elixirischen Charakter. So findet man in der Praxis eben auch verschiedene Misch- und Zwischenformen von Tinktur, Essenz und Quintessenz vor.

Rezepturen alleine – seien sie noch so gut – ergeben noch kein eigentliches "Elixir". Dieser Titel wird erst gültig, wenn davon eine oder mehrere Zutaten zu einer quintessentiellen Form ausgearbeitet wurden.
In der Quintessenz sind die Ausdrucksformen der drei Prinzipien Sulfur. Merkur und Sal – also im allgemeinen Öl, Alkohol und Salz "untrennbar miteinander verbunden". Das Thema des flüchtigen Salzes spielt hierbei eine Schlüsselrolle. Es gehört überhaupt zu den bedeutsamsten Themen der Alchymie, als eine Grundlage zur Annäherung an das Begreifen des "merkurialen Wesens" selbst.

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