Textauszüge zur spagyrischen Praxis

Nächster Schritt: die Darstellung des Sal-Prinzips aus der Pflanze

Bei der vorigen Merkur-Arbeit mittels Mazeration und Filtration behält der Alkohol seine ursprüngliche Stärke. Wurde er 40%ig zugesetzt, dann hat auch das Filtrat 40% (vorausgesetzt das Mazerationsgefäß war dicht). Nach dem Filtrieren bleiben (nur) die festen Pflanzenteile (und mehr oder weniger Feces im Filter) übrig. Weder das Phlegma noch die Farbe aus dem Phlegma werden abgeschieden.
Die rückständigen Pflanzenteile sind im hermetischen Sinne eine rohe Aus-drucksform des Erdelements. Sie werden nun in einem geeigneten (am besten keramischen) Topf zu Asche verbrannt und diese wenn nötig zu einem lockeren Pulver zerdrückt (womit man noch die Reste einer anderen Ausdrucksform "Merkurs", nämlich Struktur und Form der Pflanze, welche auch in der Kohle sichtbar bleiben, beseitigt). Die Asche ist grau – eine Signatur des saturnischen Erdelements mit der Aussage, daß hier eine Verbindung von weiß und schwarz vorliegt. Allegorisch gesehen ist nur in der grobstofflichen Materie ein Nebeneinander des prinzipiell Hellen mit dem prinzipiell Dunklen in all ihrenAusdrucksformen und Schattierungen möglich. Deshalb nennt die ayurvedische Alchymie den Welt Kam-Lok, den Ort, an dem alle Menschen und "natürlichen Dinge" jedweder Art zusammentreffen können, um ihre Händel zu begleichen und in ein und derselben Schulklasse zu lernen. In den feinstofflichen Bereichen ist diese Nebeneinander-Gräue nicht möglich – es zieht einen Jeden nach seinem Wesen.

Am einfachsten wäre es nun, die Asche mit dem filtrierten Mazerat zu vereinigen (Coagulation). Das wird auch bisweilen gemacht, besonders wenn Eile not tut. Nach öfterem Schütteln / Bewegen und wenigen Tagen Digestion an der Wärme hat sich ein wesentlicher salinischer Teil im Mazerat gelöst, und es kann von den Schlacken abgefiltert werden. Ob ein auf diese Weise fertiggestelltes Podukt den Titel einer "spagyrischen" Tinktur verdient, bleibt fraglich. Es ist zwar der Sal-Faktor enthalten – und damit eines der wichtigsten Kriterien erfüllt, aber es hat keinerlei spagyrische Scheidung und Reinigung stattgefunden. Weder das Merkur- noch das Sal-Prinzip wurden "kunstvoll" ausgearbeitet. Das Präparat wird sicherlich "ganzheitlicher" und wirkungsvoller sein, als ein gewöhnliches, alkoholisches Extrakt (Galenische Tinktur, Urtinktur, u. dgl.). Andererseits ist die Arbeit am SAL ein Kernthema der Alchymie, befinden wir uns doch hier in der Stoffwelt wo keine vollständige Heilung des Körpers ohne die unterstützende Kraft der Erde (in der das Sal-Prinzip dominiert) stattfindet.
Diese Arbeit am Salz zu unterlassen rechtfertigt tatsächlich nur eine etwaige notwendige Eile. Klar – je weiter man das Sal-Prinzip ausarbeiten will, umso zeitaufwendiger wird der Prozeß.
Andererseits wurden seit undenklichen Zeiten vermutlich in allen Medizin-systemen Aschen für sich oder in Rezepturen als spezifische Heilmittel eingesetzt. Reste oder Abkömmlinge dieser Praxis finden wir auch heute in verschiedenen Formen der Mineralstofftherapien. Aschen werden noch in vielen Zweigen alter naturheilkundlicher Traditionen verwendet (tibetische Medizin, Ayurveda, Stammestraditionen, ...). Daß die Verfahren hierzu im wahrsten Sinne steinzeitlich sind, entdecken wir bei den Naturvölkern. Die Papuas in Neuguinea etwa bereiten ein pflanzlich-mineralisches Kombinationspräparat, indem sie entsprechende Heilkräuter einige Zeit lang in salz- und mineralstoffhaltiges Quellwasser legen und danach verbrennen. Die Asche vermischen sie dann mit zerkauten Wurzeln (Ingwer u. a.) zum fertigen Genuß.
Auf wunderbare Weise hat die Natur in einer einfachen Asche eine hochkomplexe Rezeptur aus mineralischen, pflanzlichen und energetischen Komponenten erstellt. Besonders Letzteres wird bei der therapeutischen Anwendung von Aschen auffällig. Auch wenn verschiedene Aschen beinahe oder vollständig gleiche chemische Formeln aufweisen, ist die Wirkung dennoch deutlich ver-schieden und spezifisch. Als ob ein, durch das Verbrennen der stofflichen Form befreiter Pflanzengeist nun erst seine Wirkung besser entfalten kann. Die Veraschungen dazu sind oft nicht einfach nur ein Verbrennen, sondern bisweilen stunden- oder gar tagelanges "in der Glut halten", Verreiben und gegebenenfalls prozeßgenaue Beigabe von Zutaten.
Daß es selbstverständlich auch einen substantiellen Unterschied macht, ob zum Pflanzenmerkur die Asche oder ein gereinigtes Salz gegeben wird, zeigt sich unter anderem an der Färbung. Was bei eher dunklen Tinkturen kaum erkennbar ist, wird bei sehr hellen Tinkturen oder farblosen Destillaten klar ersichtlich – die rohe Asche vermittelt dem Alkohol eine Farbe, während das gereinigte Salz (sofern davon während der Calcination nichts aufgeschmolzen ist) den Alkohol (weitestgehend) farblos beläßt. Daraus wird ersichtlich, daß in der Asche noch ein gewisser Anteil eines Aspektes des sulfurischen Prinzips enthalten ist – und dies umso mehr, je dunkler die Asche nach der Veraschung geblieben ist. In den dunklen Aschenanteilen sind noch wesentliche Ausdrucksformen der Prinzipien miteinander vermischt, davon die sulfurischen überwiegen und sich im Alkohol als Farbe ausdrücken. Von diesem "unreinen Schwefel" (dem "übermäßigen Schwefel in der Kohle") sollte nichts "ins Werk mit eingehen".

Insgesamt ist es jedenfalls ein wichtiges Qualitätsmerkmal, wenn das Sal-Prinzip in einem Pflanzenpräparat sorgfältig ausgearbeitet wurde, und strenggenommen gilt der Terminus "spagyrisch" erst dann. (...)

(...) Bislang haben wir über die Veraschung bzw. die Asche des festen Pflanzenrückstandes gesprochen. Bei beiden Wegen zum Merkur/Alkohol (durch Gärung oder durch Mazeration) kann der feste Rückstand, die Pflanzenmasse, ausgepreßt und für sich alleine verascht werden, was in weiterer Folge zum Fixen Salz (Sal fixum), dem typischen Vertreter des Sal-Prinzips, führt.
Sofern der Alkohol klar abdestilliert wird (was nach der Gärung unabdingbar, aber nach der Mazeration nur eine Möglichkeit ist), bleibt das Phlegma mit der "Farbe" zurück. Diese kann für sich gereinigt und aufgeschlossen werden, um eine Ausdrucksform des Sulfur-Prinzips zu erlangen – meist als "fixer Sulfur", Sulphur fix oder Sal sulphuris. Da dieser Prozeß dann in der Folge zur "spagyrischen Essenz" führt, wollen wir ihn auch dort erst einbeziehen. (...)

(...) Der Prozeß der Veraschung kann unmittelbar in die eigentliche Calcination übergeleitet werden. Hier geht es zum einen darum, daß alle Kohle-Teile der Asche ausgeglüht werden, zum anderen, daß durch fortgesetztes, längeres Glühen eine Öffnung des Erdelements stattfindet. Dies ist aus dem Verhältnis des Feuerele-mentes zum Erdelement erklärbar. Die Position des Feuers als "Mutter-Element" zur Erde gleicht der einer Mutter zum Kind. Nehmen wir als Beispiel eine Vogelmutter: Sie füttert ihr Küken, damit es "kompakter" wird. Das entspricht dem "Hervorbringungszyklus", der "Nährrichtung" der Elemente. Es entspricht der Dichte schaffenden, fixierenden Tendenz des Feuers (auch der "Individualisation" des Sulfurischen Spektrums). Andererseits öffnet das Küken weit den Schnabel, wenn die Mutter mit dem Wurm im Schnabel heranfliegt und jedes Kind öffnet sich darüberhinaus dem Einfluß der Mutter. Das entspricht der "gegenwirkenden", öffnenden Feuer-Kraft, dem ios.
Dann soll auch durch die Calcination eine größtmögliche Helligkeit der Asche erreicht werden. Hat man diese erlangt, dann glüht man dennoch einige Stunden weiter – eben wegen der Kräftewirksamkeit. Auch hier gilt es wieder: Zeit geben. Rasche Calcinationen führen zu schlampigen oder minderwertigen Ergebnissen und jene Feuer-Erde-Wirkung kann sich nicht genügend entfalten. Dabei gerät auch mitunter die Temperatur zu hoch, und Teile der Asche verschlacken" was aus hermetischer Sicht bedeutet, daß der, den Salzen innewohnende Geist entflieht. Nicht selten werden mehrere Calcinationen mit ein und derselben Asche durchgeführt, dazwischen gerührt, befeuchtet, etc. Hier lehrt uns manch urzeitliche und doch lebendige Tradition zB. der ayurvedischen Alchymie, daß die "Alten" Zeit als Ingredienz zu verwenden verstanden. Dort werden viele Stunden und Tage für Calcinationen verwendet, auch wenn das stofflich nicht nötig zu sein scheint. Höhere ayurvedische Bhasmas im Mineralreich werden auch viele Jahre lang calciniert.
Die Calcinationstemperatur bewegt sich je nach Konsistenz der Pflanzenteile meist etwa zwischen 450° und 750°C. Sehr feine Blüten erscheinen selbstver-ständlich schon bei geringer Hitze bald weiß. Andere Pflanzenteile und -arten erfordern hohe Temperaturen. Der "Grad des Feuers" wird nach erfolgter Veraschung langsam gesteigert und dann entweder geringfügig noch weiter erhöht oder gleichmäßig gehalten.

Nach der Calcination gelten wieder die, zuvor bei der Veraschung beschriebenen Umstände. Manche reinigen nicht weiter und setzen das Calcinat dem Merkur zu, u.s.f. Der eigentlich "spagyrische" Weg ist aber jetzt die Scheidung der hellen, wasserlöslichen Salze von den dunkleren "Schlacken", dem Caput mortuum. Danach wird an den Salzen selbst weitergearbeitet, bis sie schöne, reine, klare, weißliche oder durchsichtige Kristalle bilden. Je schöner desto besser. Das kann einige Tage dauern, aber auch Wochen und Monate in Anspruch nehmen. Darin liegt wieder ein Qualitätsunterschied.
Eine Idee der Reinigung des Erdelements ist folgende: Wenn das spagyrische Präparat im Augenblick der Einnahme oder äußerlichen Anwendung den Körper berührt, dann erkennt der Körper aus der Anwesenheit des Salzes, daß es sich hier um "seinesgleichen" handelt, allerdings auf sehr hoher (und dennoch zugleich auch stofflicher) Ebene. Die "Reinheit" des Salzes ist dabei der Passierschein für das gesamte Mittel, die Stofflichkeit des Körpers zu durchwirken. Deshalb wird die Kraft des spagyrischen Mittels an jeden Ort und in jedes grobe oder subtile Gewebe des Körpers transportiert, ähnlich wie die eines sehr feinen, energetischen oder homöopathischen Präparates, nur mit dem Unterschied, daß die Heilkraft hier von einer stofflich-essentiellen Ebene mitgetragen wird.

Das noch weitverbreitete Ignorieren des Sal-Faktors in den arzneilichen Prä-paraten ist eine momentane Zeiterscheinung. Es hat Analogien zu Mißachtung und Unverständnis gegenüber der Milz im Körper, der Natur rundum und dem Erdwesen selbst. Pflanzensalze, Milz und Umwelt – das ist alles Erd-Element und der Boden unter unseren Füßen. (...)

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