Elementegenese, Signaturenkunde, Hermetik

Textauszüge aus "Der Weg des Sonnenfunkens".
Das Satz-Bild konnte in den folgenden Auszügen nicht immer original übernommen werden. Bilder und Symbole wurden z.T. ausgelassen.

Das Wasserelement

Thales nennt das Wasser das älteste und mächtigste Element. Es ist eine Basis, eine Grundlage – elementar für den Äther und stofflich für jede feste Substanz. Schwebend zwischen Äther und Erde, ist es mit beiden auf ganz unterschiedliche Weise verbunden. Man nennt es den „körperlichen Ursprung aller Dinge“, da es die Grundsubstanz aller Samen enthält.
Es heißt: das Wasser nimmt als Wolken vom Himmel Besitz und fällt als Regen oder Tau herab. Indem es „von oben herabfällt“ verleiht es allen Dingen der Erde ihr Wachstum, weil es „vom ätherischen Feuer-Geist geschwängert ist“. Das Wasser des Himmels enthält die Quintessenz aller Pflanzen und Tiere, deren Körper auf der Erde verwesen.

Als Elementarkraft erweckt es den vom Saturnzustand befangenen Sonnenfunken aus der Betäubung, ihn an den Zweck stofflicher Manifestation erinnernd, und bezieht sich dabei auf den Eindruck der „ersten Spiegelung“.
Dort war im Feuer der Wunsch zur Stoffwerdung erwacht, um für die Begegnung der Pole (Feuer-Wasser) einen festen Boden zu schaffen. So vollendet sich im Erdelement die Vision des Mondes:
Im Erdelement wird das Flüchtige fix, das Vage konkret und das Treiben des stets bewegten Merkur scheint einen Moment zur Ruhe zu kommen.
Dieser Moment – vom trocknenden, härtenden Feuer gewährt – droht aber sogleich zur Unzeit zu werden, zur Stagnation und zum Ende des Zweckes. Mars triumphiert und Saturn wird zum grausamen, allesverschlingenden Herrscher.
Hier tritt nun das Wasser hinzu, um die Situation zu erlösen – nicht nur auf eine Art, sondern vielfältig, wie es seinem Wesen entspricht. Als „Pol“ trifft es Mars auf seiner Siegesfeier und gewinnt ihn zu weiterem Streben, wurde doch sein erstes Ziel (den Saturnzustand zu installieren) bereits erreicht. Dieser wendet sich ab von Saturn, neigt sich der Venus zu und legt ihr die Herrschaft über die Erde zu Füßen. Aber auch gewaltig tritt das Wasser als Mond dem Saturn entgegen (und würdigt dabei Mars keines Blickes – ist sein Buhler doch die Sonne selbst).

Das Wasser nimmt teil an der Leichtigkeit des Himmels und an der Schwere der Erde. Seinem Wesen nach schwebt es zwischen den beiden. Wegen seiner Schwere verbindet es sich zuerst mit der Erde. Durch „Ansaugung“ zieht es dort immer mehr Feuchtigkeit zu sich, erweicht das Harte und macht das Abweisende annehmbar. In „oberer“ (Mond) oder „unterer“ (Venus) Sequenz wirkt es mit an Geburt, Wandlung und Auflösung.

Daß im Bild der Elementegenese sich das Wasser in einer den Äther gebärenden Position befindet, soll darüber nicht täuschen, daß es zugleich auch ein Urgrund der Erdsubstanz ist und als solcher ein Werk beginnt, welches das Feuerelement vollendet. Die im „tiefen“ Wasser verborgene „Essenz der Substanz“ geht aus dem „hohen“ Wasser als ein Aspekt Merkurs „geistig“ hervor und erhält im lunaren Äther jenen Charakter, der dem Sal volatile entspricht.
Dort wo das geschieht kann man sich den Ansatz einer Wendel innerhalb der pentagrammatischen Darstellung vorstellen. Zum einen ist da eine Öffnung, eine Weitung zum endlos Raumhaften. Hier nimmt auch die Substanz Wasser jene sphärische, kugelförmige Gestalt an, die es dann schon als Abbild (oder aber als „Vor-Form“) des Äthers erscheinen läßt. Ganz ähnlich befindet sich das Kind vor der Geburt in der kugeligen Sphäre einer schützenden Wasserhülle. Seine Substanz ist noch vorwiegend flüssig, weshalb man vom „mondenhaften“ Embryo spricht. Allmählich verdichtet sich die Gestalt, und das Kind tritt schließlich in den Erdenbereich ein, wo es Saturn empfängt. Je stärker dessen Einfluß wird, umso intensiver wirken auch die anderen Kräfte an seiner Reifung mit. Niemals aber wird es dabei vom Wasser verlassen. In all seinen Aspekten begleitet dieses den Menschen während des Lebens, sich je nach Phase auf die eine oder andere Art äußernd. Der, der Weitung entgegengesetzte Teil der Wendel entspricht dem durch das Feuerelement verlaufenden Weg der Stoffwerdung, wodurch jedes „Ding“ seinen individuellen Charakter erhält. Die Verbindung von Sphäre (Wasser-Äther) und gerichteter Bewegung (Feuer-Erde) gleicht im Werden der Körper einer Schraubung.

Über die Beziehung des Wassers sowohl zur Erde, als auch zur Sphäre, liest man in den Mäandern und Wirbeln des Flusses, in den Rinden der Bäume, in den, aus mondenhaftem Kalk gebauten Schneckenhäuser und insgesamt in allen belebten Formen des Pflanzen- und Tierreiches in denen die Wendeln und Spiralen erkennbar sind.
Obwohl die Einschreibekräfte von Jupiter und Saturn im Olivenbaum dominieren, ist in seiner Form das Fließen und Schrauben besonders ausgeprägt. Der Eindruck von wogendem Wasser rundet die Kargheit und Düsternis seiner Wälder ab und macht sie dem Herzen zugänglich.

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Der Bau der Knochen mit ihren verwundenen Flächen, die strömenden Formen der Muskelfasern, aber auch das spiralige Entfalten der Keime, Blätter und Blüten im Pflanzenreich – das alles weist auf den Ursprung der belebten Substanz im Wasser hin. Darüberhinaus enthüllt es die Mitwirkung des Merkurialen in den Feuerprozessen (Zentrierung, Ausrichtung, Verdichtung), sowie sein Eindringen in den Saturnzustand.

Das Wasser verwehrt sich gegen jegliche Starrheit. Sein Element ist ein Kind der Luft, sein Zweck, eine Matrix zu bilden, für den sich erneuernden Merkur. Dennoch ist es in mancherlei Ausdrucksform in den Saturnzustand eingebunden – bedingt zwar, aber auch längerfristig – in der Schneeflocke, im Eis der Gletscher oder im Kristall. Trotzdem bleibt es dabei den merkurialen Qualitäten der Formung, Vermittlung und Verwandlung verpflichtet – in kristallener Form nicht weniger als im Wasserlauf des Flusses, gleichsam in den „merkurialen Wässern“ und Menstrua der Alchymie.

Ein Aspekt des Wasserelements verläßt gewissermaßen die sphärische Schwebe und begleitet die Verdichtungs-prozesse. Dies entspricht (im Ausdruck) jener Art von Wasser, dessen Eigenschaft der Schwere durch die Form des Tropfens signiert ist. Es wird der Venus zugeordnet, welche die saturnischen Körper befeuchtet, fruchtbar macht und den Gestalten Harmonie und Proportionen verleiht. Man nennt es das „untere Wasser“ oder „das, sich mit der größeren Dichte vereinigende Wasser“. Wenn es sich mit Erdelement vermischt, dann spricht man dort nicht mehr vom „Saturnzustand“, sondern von „venerischer Erde“ – das Grau wird zum Grün.
„Farbsignaturen“ des saturnischen Erdelements sind „grau“ und „schwarz“, die des Luftelements „grau“ oder „weiß“ und die des Wassers „weiß“ oder „schwarz“. Wenn sich aber Wasser und Erde harmonisch verbinden, dann erscheint das Grün und zeigt die Matrix für lebendiges Naturgeschehen an. Wir haben davon schon gesprochen. „Schwarz“ sind die „Wässer des dunklen Mondes“, des alles verschlingenden Ungrundes. Auch dies ist ein Aspekt des Wasserelements, den wir als „tiefes Wasser“ bezeichnen. In ihm sind Venus und Mond durch eine mächtige, urgründige Merkurialkraft verbunden, wobei die Tendenz zum Mondenhaften überwiegt.
Im Wasserelement erreicht die Dualität innerhalb eines Elements ihren vollkommensten Ausdruck.

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„Mondenhaft“ nennt man das „obere Wasser“, das „hohe“, äthernahe Element. Wir sehen seinen Ausdruck im silbrigen Spiegel der Wasseroberfläche, im Schaum, in der weißen Gischt und im Nebel. Es ist nicht der schwere Tropfen, sondern die „Wasserperle“, die Kugelgestalt des hohen Merkurs.
Im Grenzbereich zwischen Erdschwere und Himmelsweite, etwa 20 km über dem Erdboden in der Stratosphäre* scheiden sich die „schweren“ Teilchen der Luft endgültig aus dem „Körper des Luftelements der Erde“ und man entdeckt (in etwa 25–30 km Höhe) gerade noch vereinzelte „Perlmutterwolken“. Das schwebende Wasser hat dort seinen venerischen Charakter verloren und ist im wahrsten Sinne „merkurial“ geworden, so als würde durch die Höhe ein Merkur aufs höchste rectificiert. Hier nehmen die Wasserteilchen kugelförmige, sphärische Gestalt an, und verhalten sich ähnlich wie Quecksilber (das Metall des Merkur). Gleich diesem sind sie als ein Ausdruck kommunizierender Merkurial-Kraft immer darauf bedacht, über die größtmögliche Oberfläche zu verfügen. Hier wird auch aus physikalischer Sicht verständlich, warum die „Alten“ Merkur sowohl zum wäßrigen Element, als auch zum metallischen Quecksilber in Beziehung brachten. Man mußte allerdings vor Jahrtausenden dazu nicht unbedingt die Stratosphäre untersuchen (auch wenn das nach dem technologischen Stand der Urzeit vielleicht sogar möglich gewesen wäre). Die Erkundung und Beschreibung jener erdfernen Sphären oblag ohnehin den, sich im Geistkörper erhebenden Mystikern.
Das Wasser auf der Erde zeigt schon in seinem wirbelndem Fließen diese Tendenz, den hohen Merkur-Zustand auszubilden. Je gesünder es ist, je „näher seinem Element“, umso deutlicher tut es das. In diesem Sinne ist das Wasser auch hineinverwoben in den merkurialen Luftkörper und mit diesem in das ganze merkuriale Geschehen auf der Erde, vor allem in den Gemütszustand der Erdgäste, der Menschen und deren Miteinander. Dieser beeinflußt wiederum die Qualität des Wassers wesentlich. Es wird „müde, träge und schwer“ wenn die Menschen stumpf dahinvegetieren. Dabei sammelt es den emotionalen und substanziellen Schmutz ein, bis zum Ende seiner Aufnahmefähigkeit. Es wird aber „lebhaft, wirbelnd, leicht“ und wiederum äußerst aufnahmefähig, wenn auch die Menschen sich in einem zumindest menschenähnlichen Zustand befinden und ihr Miteinander und Mit-der-Natur von Verstehen und Liebe getragen ist. Diesen Zusammenhang vermittelt der Wasserkörper selbst, aber auch der Luftkörper, welcher vom Wasser durchdrungen ist. ( ... )

Das Wasser der Erde nimmt alles Grob- oder Feinstoffliche, womit es an irgendeinem Ort in Berührung kommt „in sein Gedächtnis“ auf, ähnlich wie die Luft, nur dauerhafter, und ähnlich wie die Erd-Substanz, nur schneller, unmittelbarer. Die verschiedenen Einprägungen in den Wasserkörper können Leben bringen, Lebendiges vermehren, oder zu Krankheit, Angst und Tod führen. Solche Überlegungen machen klar, daß nicht nur der Spagyriker, sondern jeder Heil- oder Naturkundige (ja selbst der gute Tee-Koch) größten Wert darauf legen wird, zu seiner Arbeit sehr reines, lebendiges, eben „gutes“ Wasser zu verwenden (soweit dieses noch verfügbar ist).

Die Begriffe „Venus“ und „Mond“ sind terminologisch eng miteinander verwoben und bezeichnen manchmal dieselbe Kraft, eben das Wasserelement. Sie bezeichnen auch Aspekte des Merkur-Prinzips, sowie die „lebendige Erde“ (im Sinne des vom Wasser durchdrungenen Saturnzustandes). Oft wird die Gestalt der Venus mit einer Mondsichel am Kopf dargestellt, manchmal mit Stierhörnern, um das Mond-Feuer-Erde-Geschehen zu bezeichnen; dann auch mit Strahlenkranz, Widder- oder Steinbockhörnern, um die „Erfüllung durch das erste Feuer“ oder die „von Mars befruchtete Venus“ anzudeuten, hier auch den Lilienstab oder einen blühenden Zweig (an den stabbewehrten Merkur erinnernd) zeigend, oder einen Spiegel in der Hand haltend, oder sonst wie mit Spiegel oder Mond in Szene gesetzt.

Ihr griechischer Name Aphrodite bedeutet soviel wie „Meerschaumgeborene“ (aphros=Meerschaum). Ihre Herkunft (wir haben darüber bereits gesprochen) scheint ein Gleichnis für die Initiation elementaren Geschehens in der Physis durch die „Spiegelung des Sonnenfunkens im Mond“ zu sein. ( ... )

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